“Verdachtsfall HPU”

“Verdachtsfall HPU”

Unser Stoffwechsel ist ein komplexes Zusammenspiel von Millionen einzelnen biochemischen Reaktionen. Viele sind voneinander abhängig und bilden sogenannte Reaktionskaskaden. Da ist es leicht nachzuvollziehen, dass bei einer beliebigen „kleinen“ Störung gleich mehrere Bereiche in Mitleidenschaft gezogen werden und teilweise Symptome auftreten an Stellen, wo man nie die Ursache finden wird. Deshalb ist es wichtig den „Sand im Getriebe“ aufzuspüren und eine ursächliche Therapie zu konzipieren!

Hämopyrrollaktamurie (HPU)

Eine dieser „kleinen“ Stoffwechselstörungen mit „großer“ Wirkung ist die Hämopyrrollaktamurie (HPU). Hierbei liegt eine Störung in der Biosynthese des Häms vor. Es handelt sich dabei um ein ringförmiges Molekül (Porphyrinkomplex) mit einem zentralen Eisenatom, das in unserem Körper wichtige Aufgaben übernimmt. Vor allem ist es Bestandteil des Hämoglobins (roter Blutfarbstoff). Eingebettet in eine Proteinstruktur bildet es dort die Bindungsstelle für Sauerstoff, der mit diesem Transportmolekül von der Lunge über unsere Blutbahnen zu den Zellen gebracht wird, wo er dann von den Mitochondrien zur Energieproduktion verwertet wird (→ „Energieräuber – Mitochondriale Medizin“). Doch das Häm wird nicht nur im Blut gebraucht, sondern trägt auch in der Muskulatur als Teil des Myoglobins zur Sauerstoffversorgung bei. Auch in speziellen Enzymen, wie dem Cytochrom C der Atmungskette oder den Cytochrom-P450-Enzymen für die Phase-1-Entgiftung, ist das Häm die wichtigste Struktur.

Die Biosynthese des Häms erfolgt in acht enzymatischen Schritten. Bei einer HPU arbeiten einige dieser Enzyme nicht optimal, sodass es zu einer leicht veränderten Häm-Struktur kommt. Das Molekül ist in diesem Zustand unbrauchbar und kann den Körper sogar zusätzlich schädigen. Um das zu vermeiden, bemüht sich der Körper das „falsche“ Molekül auszuscheiden. Dazu bindet er Zink, teilweise auch Mangan, und die aktive Form des Vitamin B6 (Pyridoxal-5-Phosphat / P5P) an die Struktur, um sie wasserlöslich zu machen und über die Nieren auszuscheiden. Im Urin ist dann ein erhöhter Spiegel von diesem Hämopyrrollaktam-Komplex nachweisbar.

Durch die dauerhafte Zweckentfremdung der Vitamine und Mineralstoffe, gehen sie vermehrt verloren und es kommt zu einem Nährstoffmangel, der durch eine normale Ernährung nicht ausgeglichen werden kann.

Ursachen:

Die HPU gehört zur Gruppe der Porphyrinopathien (Störungen des Porphyrin-Stoffwechsels) und ist in der Regel eine genetisch vererbte Stoffwechselstörung, die dazu führt, dass bestimmte Enzyme der Häm-Synthese nicht richtig arbeiten.

Es ist jedoch auch denkbar, dass eine HPU erworben wird, insbesondere durch eine Schwermetallbelastung, denn Schwermetalle haben eine hohe Affinität zu Proteinstrukturen, binden sich an sie und machen sie so unwirksam (→ siehe auch „Wenn die Umwelt krank macht“). Betrifft dies die Enzyme der Häm-Synthese, entsteht eine HPU.

Nicht bei jedem Menschen, der durch eine genetisch bedingte Enzymschwäche HPU-gefährdet ist, muss diese sich auch in einem klinisch relevanten Symptombild zeigen. Häufig zeigen sich Beschwerden, wenn zusätzliche Triggerfaktoren hinzu kommen, wie psychische Belastungen oder oxidativer und nitrosativer Zellstress (→ siehe auch „Stress in den Zellen“).

Folgen und Symptome:

1. Störung der Häm-Synthese:

Der Häm-Mangel hat insbesondere Auswirkungen auf die Häm-abhängigen Enzyme. Hier sind die Cytochrom-P450-Enzyme zu nennen. Sie spielen eine große Rolle in der Phase-1-Entgiftung, sodass eine Entgiftungsschwäche entsteht. Diese wird noch verstärkt, indem auch andere Entgiftungsenzyme gehemmt werden, wie z.B. die Katalase, die Pyrollase, die Stickstoff-Monoxid-Synthase (NOS) und die Schwefelreduktase. Daraus entsteht die Gefahr einer toxischen Belastung im Körper mit seinen vielseitigen Symptomen, wie z.B. bei einer Schwermetallbelastung (→ siehe „Wenn die Umwelt krank macht“). Eine Zunahme von oxidativem und nitrosativem Stress ist wahrscheinlich (→ siehe “Stress in den Zellen).

Das Häm ist außerdem ein zentraler Bestandteil des Cytochrom C in der mitochondrialen Atmungskette, sodass es zur Entstehung einer Mitochondriopathie kommen kann. Dies wirkt sich unter anderem auf die Energieproduktion aus, sodass Erschöpfungssymptome zu beobachten sind (→ siehe auch „Energieräuber – Mitochondriale Medizin“). Zur Verringerung der Energiebereitstellung trägt auch die Sauerstoffunterversorgung bei, die durch den Hämoglobin- und Myoglobin-Mangel entsteht. Bei einer verringerten Hämoglobin-Konzentration spricht man von einer Anämie. Sie zeigt sich durch Blässe, Leistungsminderung, Konzentrationsschwäche und einer Infektanfälligkeit. Der Myoglobin-Mangel sorgt für verminderten Muskelaufbau und kann u.a. Ursache zahlreicher Gelenkbeschwerden sein (z.B. Kniebeschwerden, Beckeninstabilität, Bandscheibenvorfall).

Häm wird außerdem für die Synthese von Cholesterin, Steroidhormonen, Schilddrüsenhormonen, Vitamin D und Gallensäuren benötigt. Des Weiteren spielt es eine Rolle im Stoffwechsel von Tryptophan, Serotonin und Melatonin, was psychische Beschwerden wie Depressionen hervorrufen kann.

Auch durch die Anreicherung von „falsch“ gebildeten und somit toxischen Häm-Molekülen in Organen können Störungen im Nervensystem entstehen.

2. Mikronährstoffmangel:

Im Vordergrund stehen hier die Unterversorgung mit dem aktivierten Vitamin B6, Zink und Mangan.

Zink ist Bestandteil vieler Enzyme. Insbesondere die Überführung des Vitamin B6 in seine aktive Form ist dadurch beeinträchtigt sowie auch die Entgiftung von Schwermetallen. Zudem hat Zink die Fähigkeit, Schwermetalle direkt zu binden und unschädlich zu machen. Es kommt also wiederum zu einer herabgesetzten Entgiftungsleistung. Zinkmangel kann sich außerdem in Haut- und Haarproblemen, Störungen der Sexualität und Fruchtbarkeit sowie in Infektanfälligkeit und Schleimhautproblemen äußern. Außerdem ist die Umsetzung von Fruktose zu Glucose beeinträchtigt, was Störungen im Glukosehaushalt hervorruft. Es kann zur Fruktoseunverträglichkeit kommen, wenn die Fruktose von der Darmwand nicht ausreichend aufgenommmen werden kann. Damit gehen eine Gasbildung und Reizung der Darmwand einher, was unangenehme Beschwerden verursacht. Möglicherweise ist dadurch auch die Aufnahme von Tryptophan herabgesetzt, was psychische Beschwerden verursachen kann. Durch die Störung der Darmflora kann die Entstehung von Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten (z.B. Glutenüberempfindlichkeit) begünstigt werden.

Auch Mangan ist am Aufbau zahlreicher Enzyme beteiligt und beeinflusst viele Stoffwechselprozesse, sodass ein Mangelzustand vielseitige Folgen hat.

Die Verminderung des Vitamin B6 führt u.a. zu Störungen im Muskel- und Aminosäurestoffwechsels. Durch fehlende Aminosäuren oder auch Glutathion wird die Entgiftungsleistung diesmal in Phase 2 beeinträchtigt.

Durch die Einschränkung der Entgiftungsleistung insgesamt entsteht ein Teufelskreis für den Patienten: Schwermetalle blockieren Enzyme und können dadurch eine HPU hervorrufen. Dadurch wird wiederum die Entgiftungsleistung herabgesetzt und es kommt zu einer weiteren Akkumulation von Schwermetallen!

Darüber hinaus ist die Bildung von Neurotransmittern (z.B. GABA) Vitamin-B6-abhängig, was sich wiederum in psychischen Problemen äußern kann. Hinzu kommen die verminderte Magensäurebildung, die zu Verdauungsproblemen führt, und ein mangelnder Histaminabbau, was sich durch Juckreiz, Müdigkeit und Kopfschmerzen zeigt.

3. Hormonelle Fehlregulation:

Bei HPU-Patienten wird meistens eine Herabsenkung der Produktion des Schilddrüsenhormons TSH beobachtet, was von der Hypophyse ausgeschüttet wird. Dadurch werden Funktionen von Bauchspeicheldrüse und Magen beeinträchtigt, was zu Blutzuckerschwankungen, Blähungen und Völlegefühl führen kann. Auch die Nebennieren werden durch das fehlende TSH in ihrer Leistung herabgesetzt, was sich in einer Blutdrucksenkung und häufigem Wasserlassen äußert. Die Entstehung von autoimmunen Schilddrüsenerkrankungen ist begünstigt.

Dazu kommen allgemeine hormonelle Probleme, die zu Menstruationsbeschwerden oder Problemen in der Schwangerschaft führen.

Diagnostik:

Während die Untersuchung der HPU noch relativ neu ist, ist vielen wahrscheinlich der Kryptopyrroltest (KPU-Test) bekannt. Hierbei geht es ebenfalls um die Feststellung, ob vermehrt Pyrrole ausgeschieden werden. Als Standardsubstanz testet man das Kryptopyrrol. Allerdings können Pyrrole durch verschiedene Ursachen entstehen. Um eindeutig eine Störung in der Häm-Synthese nachzuweisen, muss man speziell das Hydroxy-Hämopyrrol-Pyridoxal-5-Phosphat-Zink-Chelat (HPL) messen. Dazu arbeite ich mit dem KEAC-Institut in den Niederlanden zusammen, die diesen speziellen HPU-Test® anbieten. Hierbei wird im Urin die HPL-Konzentration gemessen.

Nähere Informationen dazu auf:   www.keac.de

Auf der Homepage finden Sie ebenfalls einen Online-Fragebogen, der eine Einschätzung gibt, ob bei Ihnen eine HPU vorliegen könnte.

Therapie:

Ist das Testergebnis positiv, ist es zunächst angezeigt, den Nährstoffmangel auszugleichen. Es werden somit das aktive Vitamin B6 (P5P) sowie Zink und Mangan in angemessener Konzentration substituiert. Darüber hinaus muss geprüft werden, ob gegebenenfalls weitere Faktoren die Entstehung der HPU beeinflussen. Bei einer vorliegenden Schwermetallbelastung sollte eine Entgiftungstherapie durchgeführt werden (→ siehe hierzu „Wenn die Umwelt krank macht“). Über eine Mineralstoffanalyse kann außerdem geprüft werden, ob weitere Mängel bestehen, die durch orale Substitution oder per Infusionstherapie ausgeglichen werden müssen.

Weitere Informationen zu den Therapien:

Literatur:

  • KEAC (Klinisch Ecologisch Allergie Centrum): HPU und HPU-Test. Online: URL: http://www.keac.de/ [Stand 17.12.2014].
  • Ritter, T. M.; Baumeister-Jesch, L. (2014): Stoffwechselstörung HPU. Kirchzarten bei Freiburg: VAK Verlags GmbH.

Orandum est ut sit mens sana in corpore sano

(Wir müssen für einen gesunden Geist in einem gesunden Körper beten)

- Juvenal, Satura X / 356 -